Text (Gedanke) des Monats
Mai 2026
Edward Hopper- Nighthawks
Edward Mark pellte sich aus dem Bett.
Der Wecker hatte wie jeden Morgen pünktlich um fünf Uhr geschellt.
Er setzte sich auf und verweilte einen Moment an der Bettkante. Streckte Beine und Arme in die Länge. Einige kurze Übungen der Morgengymnastik und ging dann ins Bad.
Alles war noch dunkel.
Draussen und auch in den Wohnungen.
Sein Viertel schlief und würde noch eine Weile schlafen, aber Edward wusste, nur der frühe Vogel fängt den Wurm und nur der frühe Broker kauft zum besten Kurs.
Seine Morgenroutine dauerte nicht lange- das frisch gebügelte Hemd hatte er schon am Vortag parat gelegt.
Eine kurze Dusche, Zahnpflege und die Stoppeln stutzen. Ein Aftershave- gut und teuer. Hemd, Sakko, Hose und Hut- schon ging es raus in die frische Morgenluft.
Er liebte diesen Spaziergang zur Arbeit.
Bevor die Börse öffnete, würde er bei Phillies- wie jeden Morgen- einen Kaffee trinken und die Nachtschwärmer betrachten. Jene kläglichen Gestalten, die jetzt erst ins Bett gingen und die besten Stunden des Tages verpassten.
Während sie einschliefen, hatte er schon die nächsten zweitausend Dollar sicher in der Tasche.
Petty hielt den Geldschein in der Hand und betrachtete ihn gelangweilt.
Der Abend war gründlich in die Hose gegangen.
Sie würde Michael noch etwas zappeln lassen, denn sie liebte sein konzentriertes, ernstes Gesicht, wenn er versuchte seine Rage und seine Wut zurückzuhalten.
Bald würde er explodieren.
Sie hoffte nur, es würde nicht mehr im Diner geschehen.
Sie hatte es in der Hand.
Nur ein paar Stunden zuvor, sass er hoffnungsvoll ihr gegenüber. Den Ring mit den 16 Karat hatte er schon einige Zeit mit sich in der Manteltasche getragen und heute war es endlich so weit. Er würde ihr einen Antrag machen. Er musste, denn morgen würden sie nicht mehr beieinander sein und niemand konnte sagen, wie lang die Trennung dauern würde.
Den Antrag machte er dann auch, doch die Nacht endete nicht mit einer Aussicht auf eine glückliche Zukunft, sondern mit der Nachricht, dass er morgen in den Krieg ziehen würde.
Die ganze Nacht hatten sie Champagner getrunken und gefeiert, bis Michael ihr dann endlich sagte, die Hochzeit könne erst stattfinden, wenn sie Vergeltung geübt hätten.
Pearl Harbor war nicht mehr weit weg- es hatte auch Einzug in ihr Leben gehalten.
Sie gab ihm den Ring zurück.
April 2026
Laubbläser- Handwerkszeug der Unterwelt.
Verflucht sei, wer sie erfunden.
So stand der Frühling einmal für das Erwachen der Natur, zart und sanft, so wird er heuer von den dröhnenden Ungeheuern aus dem Bett geworfen und angebrüllt.
Möchte ich mich auf einem Bänkli niederlassen und ein erstes, scheues Nickerchen zwischen Vogelgezwitscher und mildem Sonnenschein geniessen, so rattert und rumpelt es vom Dorf hinauf, aus diversen Ecken und Winkeln in verschiedensten Lautstärken.
Selbst durch den Wind kann ich sie noch hören.
Laubbläser- ich wünscht’ , nie wären sie erfunden.
Und überhaupt: Denkt einmal an das raschelnde Laub.
Wie es vom Wind gewirbelt; Erinnerung an den letzten Herbst, Erinnerung an des Jahres zuvor. Wie es tanzt und springt und spielt. Knisternd über Wege und durch Wälder.
Unter den Schuhen knirscht.
Oh Laub- raschle!
Oh Frühling du, mit zarten Geräuschen, scheu und neu!
Oh ihr Laubbläser, bleibt im Keller! Schlaft den Schlaf der Ewigen!
Oder setzt euch in den Garten:
Frühlingsgeräusche entdecken.
März 2026
Anfangen müsste man.
Anfangen, mutig zu sein.
Anfangen, frei zu sein.
Anfangen, angstlos zu sein.
Anfänge anfangen.
Frau sein.
Ich sein.
Ganz sein.
Heil sein.
Sein.
Ein Anfang sein.
Februar 2026
Alles braucht Zeit
Alles braucht Zeit.
Kochen braucht Zeit.
Es ist nicht, nur mal eben das Mittagessen zubereiten.
Es braucht Gedanken und Ideen -über das Gericht. Das Menu.
Ausgewogen soll es sein. Gesund. Und schmecken muss es auch noch.
Hat man erst einmal eine Idee über das Gericht, plant man dann den Einkauf der benötigten Zutaten. Jener, welche noch fehlen, um es zubereiten zu können.
Einkaufen braucht Zeit.
Es ist nicht, nur mal eben in den Supermarkt springen und das holen, was noch fehlt.
Obst und Gemüse will geprüft sein und genau angeschaut werden. Eine gute Auswahl entspricht hier der Hälfte des Erfolges, welchen das Gericht braucht, um am Ende zu gelingen, denn einen faulenden Brokkoli mag niemand gern auf dem Teller finden.
Preise müssen verglichen werden, sonst erreicht man mit dem Salär nicht mehr das Monatsende und findet sich in den letzten Wochen mit Butter und Nudeln am Herd vor.
Einkäufe müssen verladen werden.
Das braucht Zeit.
Und wenn man dann im Supermarkt einen Bekannten aus dem Dorf oder eine Nachbarin trifft, braucht es auch wieder Zeit.
Soziale Kontakte brauchen Zeit.
Man kann nicht nur mal eben sagen, man hätte es gerade eilig und abgehen.
Man bedankt sich für die Hilfe bei der Wohnungssuche, fragt, wie es den Kindern geht oder der kranken Mutter, ob man helfen kann und wünscht ein schönes Wochenende.
Ein Sozialleben braucht Zeit.
Habe ich dann alles zusammen und bin zu Hause angekommen, müssen auch die Einkäufe erst noch eingeräumt werden. Das braucht Zeit.
Jeder Artikel findet seinen, für ihn vorhergesehenen Platz. Der Joghurt in den Kühlschrank, die Ananas in die Obstschale. Alles nimmt dann dort Platz und macht es sich gemütlich, wo es auf seine Verwendung warten wird und sich zuverlässig finden lassen wird.
Ich beginne mit dem Kochen und auch das braucht Zeit.
Zeit, um das Rezept zu studieren.
Man kann nicht nur mal eben darüber fliegen. Vergisst man eine Zutat oder einen der aufgeführten Zubereitungshinweise, könnte das ganze Gericht Gefahr laufen unschmackhaft oder fad zu werden. Rösti ohne Salz, Omeletten in welchen warme, geschmolzene Butter mit dem Mehl zusammen klebt, zu viel Koriander am Fisch und ähnliche Gefahren.
Beim Herd bleibe ich geduldig stehen und schaue zu, dass alles blubbert und brutzelt, aber bloss nichts anbrennt.
Zügel meine Gedanken.
Denn es ist wichtig, was ich hier tue.
Es ist keine Kleinigkeit. Es ernährt mich und meine Familie und ist nicht weniger Wert, als all das, was wahrscheinlich zu einem genau gleichen Zeitpunkt in einem der unzähligen Grossraumbüros in der Stadt vor sich geht.
Dort kann man auch nicht nur mal eben eine Email versenden.
Man muss sich vorher Gedanken machen. Über Inhalt und Form. Ausdruck und Ton. Information und Aussage. Dringlichkeit und Relevanz.
Das geht auch nicht nur mal eben so.
Alles braucht Zeit